2. Diakon an St. Nikolai in Berlin 1657-1669
Im Jahr 1643 verlegte Kurfürst Friedrich Wilhelm den Sitz seines Hofes von Königsberg nach Berlin. Obwohl der Kurfürst Friedrich Wilhelm durch die Abgabe von hohen Kontributionen an die Heere das Kriegsgeschehen von der Stadt fernzuhalten versucht hatte, war auch Berlin Opfer von Seuchen, Hunger und Not geworden. Besonders die Pest hatte viele dahingerafft. Viele Häuser standen leer.

An der Nikolaikirche war Johann Crüger als Kantor tätig und hat Texte von Paul Gerhardt vertont und sie in mehreren Auflagen der Praxis Pietatis Melica (einem Lieder- und Andachtsbuch) veröffentlicht. Auch Johann Georg Ebeling, der nach dem Tod von Johann Crüger 1662 die Nachfolger des Kantorenamtes an der Nikolaikirche antrat, hat diese Tradition aufgenommen und weitergeführt. Ihm haben wir die Vertonung von 120 Texten von Paul Gerhardt zu verdanken.

Ab 1666 wurde Paul Gerhardt in einen Konflikt verwickelt. Kurfürst Friedrich Wilhelm war daran interessiert, in seinem Land Frieden zwischen den verschiedenen Religionen zu haben. Er selbst gehörte mit seinem Hofstaat der reformierten Kirche an. Deshalb verlangte er von den Lutheranern Toleranz gegenüber der theologischen Lehrauffassung der Reformierten. Der Hauptstreitpunkt war das unterschiedliche theologische Verständnis der Sakramente.

Für die Lutheraner standen die Reformierten jedoch nicht im „rechten Glauben“. Bald schon.

 

sollte der Glaube Paul Gerhardt´s und seine lutherische Bekenntnistreue auf eine harte Probe gestellt werden

Der Kurfürst ordnete Religionsgespräche an, weil er sich erhoffte, dass Lutheraner und Reformierte Gemeinsamkeiten erkennen würden. Dieser Erfolg trat nicht ein. Im Gegenteil die Differenzen vertieften sich. Nun verlangte der Kurfürst per Edikt (Weisung) Toleranz von den Lutheranern. Jeder lutherische Theologe hatte dies mit seiner persönlichen Unterschrift zu beglaubigen, sich von nun an gegenüber Andersglaubenden tolerant zu verhalten. Paul Gerhardt unterschrieb aus Gewissensgründen nicht. Daraufhin wurde er seines Amtes enthoben. Die Berliner Bürger, der Magistrat und die Zünfte richteten mehrere Gesuche an den Kurfürsten mit der Bitte, Paul Gerhardt in seinem Amt zu belassen. Kurfürst Friedrich Wilhelm lehnte ab. Erst als die Landstände die Wiedereinsetzung von Paul Gerhardt in sein Amt verlangten, wurde diesem Ansinnen statt-gegeben. Auch wenn Paul Gerhardt die Unterschrift erlassen wurde, ließ der Kurfürst ihm ausrichten, dass er von ihm dennoch ein Verhalten im Sinne des kurfürstlichen Toleranzerlasses erwarte. Dem konnt Paul Gerhardt nach wie vor nicht zustimmen und er verzichtete auf sein Amt. Der Kurfürst ordnete die Neubesetzung des Pfarramtes von Paul Gerhardt an.

Der Konflikt mit dem Kurfürsten war in der Berliner Zeit nicht die einzige Sorge, die Paul Gerhardt in dieser Zeit belastet hat. Nachdem drei seiner Kinder gestorben waren, starb auch seine Frau Anna Maria.