Aktuelles
Festgottesdient zum Geburtstag Paul Gerhardts
mit Eröffnung einer Liederbücherausstellung

Dialogpredigt zu dem Psalmlied Paul Gerhardts

"Ich, der ich oft in tiefes Leid
und große Not muß gehen,
Will dennoch Gott mit großer Freud
und Herzenslust erhöhen.
Mein Gott,du König, höre mich,
ich will ohn alles Ende dich
und deinen Namen loben"
(Psalm 145)




Predigerin: Superintendentin Ulrike Voigt
Prediger: Pfarrer Olaf Beier
Stimme aus der Gemeinde. Frau Ilse Schulz


Predigttext und Liedtext unter: weitere Infos
Prediger:
Ein Lied zu Psalm 145, ich habe gedacht, das passt gut, wenn wir heute Paul Gerhardts 400. Geburtstag feiern. Ein Loblied, steht schon in der Überschrift. Bestimmt spricht es vielen aus der Seele. Typisch Paul Gerhardt: 18 Strophen Lob Gottes! Aber ich finde das gut. Ich kann von Paul Gerhardt gar nicht genug bekommen!

Predigerin:
Nun ja. Ich frage mich, ob das Lied wirklich so passend ausgewählt ist. Ja, Psalm 145 ist wirklich ein Lobpsalm. Durch und durch. Aber dieses Lied hier beginnt ganz anders: mit ?tiefem Lied und großer Not?. Ich finde, das kann man auch mit 18 Strophen nicht hinwegsingen, wenn das so ganz vornan steht. Ob das angemessen ist für einen Geburtstag? Ist man an einem solchen Tag nicht dankbar und fröhlich? Beginnt man einen solchen Tag mit ?Leid und Not??

Ich stelle mir vor, wie Paul Gerhardt bei seiner täglichen Andacht auf diesen Psalm getroffen ist. Wie er da plötzlich einen Lobpsalm vor sich hatte. Aber es war an einem Tag, da gab es erst mal nichts zu loben. Da standen Leid und Not an erster Stelle. Und davon hat Paul Gerhardt ja wirklich viel erlebt. Es war eine Zeit voller Bedrohung und Angst. Mitten in Europa tobte der Dreißigjährige Krieg. Mord, Vergewaltigung.
Wohnhäuser und Stallungen wurden in Brand gesetzt. Wo die Soldaten durchzogen, hinterließen sie eine bis dahin nicht gekannte Verwüstung. Paul Gerhardt war 11 Jahre als der Krieg begann und an seinem Ende 41 Jahre.

Ja, das kann ich mir auch vorstellen. Wie Paul Gerhardt da sitzt und sich fragt: Was mache ich heute mit so einem Psalm? Mir ist nicht so. Ich kann ihn nicht beten. Suche ich mir einen anderen? Es gibt ja genug Klagepsalmen in der Bibel. Aber wie hat er es geschafft, dieses Dennoch zu sagen?

Ja, das möchte ich auch gern können, in solchen Situationen Dennoch sagen. Paul Gerhardt fand, es gäbe immer einen Grund, Gott zu loben. Davon hat er nicht abgelassen. Und er hat auch gemeint, man müsse sich vielleicht manchmal auch selbst dazu überreden können.

Ach ja, dazu fallen mir viele Liedanfänge ein, solche, in denen Paul Gerhardt sich selbst gut zuredet, Gott zu loben: Du, meine Seele, singe! Oder: Lobet den Herren! Oder: Wach auf, mein Herz, und singe! Geh aus, mein Herz, und suche Freud! ? Ja, gerade dieses Lied klingt plötzlich gar nicht mehr so harmlos-fröhlich. Vielleicht war es so: Paul Gerhardt musste sich ? und erst recht seinen Mitmenschen ? ständig gut zureden, damit Lob Gottes überhaupt möglich war!

Stimme aus der Gemeinde:
Das interessiert mich auch: Ob das wohl bis heute und bei uns selbst funktioniert? Dass wir uns selbst verordnen, Gott zu loben oder Freude suchen zu gehen? Könnte mir Paul Gerhardt helfen, wenn ich aus meiner Niedergeschlagenheit nicht heraus komme?

Aber nun lasst uns doch mal auf dieses schöne Lied sehen. 18 Strophen lang hat Paul Gerhardt es geschafft, Gott zu loben, obwohl ihm danach vielleicht gar nicht war! Vielleicht finden wir hier eine Antwort auf diese Frage! Wir können es ja einfach mal probieren und drei Strophen singen.

Strophen 1, 4, 5 nach der abgedruckten Melodie (Es ist gewisslich an der Zeit, EG 149)

Da muss ich erst einmal meinen Protest anmelden. Ich finde, die Melodie zu freundlich. Ja, zum Geburtstag passt sie sicher. Aber besonders zur ersten Zeile der ersten Strophe ? da klingt sie viel leichter als es wirklich ist.

Nun ja, die Melodie gehörte ursprünglich tatsächlich zu einem Liebeslied. Das spürt man ihr schon ab. Aber dass sie zu leichtfertig klingt, da kann ich wirklich nicht mitgehen. Schließlich geht es ja um das Lob Gottes. Und die beiden Strophen, die wir eben gesungen haben, Strophen 4 und 5, das sind richtige Geburtstagsstrophen für einen 400. Geburtstag. Da finde ich die Kette wieder, die uns verbindet mit unserem alten Jubilar. Von den ?Alten, die nun nicht mehr sind? bis zu den Kindern. Auch die noch viel Älteren, auf die unser Psalm zurückgeht bis zu den Generationen, an die wir noch gar nicht zu denken wagen. Einfach wunderbar, wie sich Paul Gerhardt da sein Geburtstagslied gedichtet hat!
Und er hat ja Recht! Gottes Größe ist auch in allen Generationen, die waren und sein werden, nicht auszusprechen! Es bleibt für mich und für dich immer noch etwas zu loben übrig, wie er es in der 6. Strophe sagt.

Ja, und dann steht da auch noch was von ?auspreisen?. Bestimmt eine Wortschöpfung von Paul Gerhardt. Er hat sicher nicht geahnt, dass man dieses Wort heute in ganz anderem Zusammenhang benutzt!

Vielleicht ist das ja gar nicht so abwegig! Man kann Gottes Schöpfung doch wirklich nicht auspreisen, mit Preisschildern versehen. Man kann ihren Wert nicht in Euro ausdrücken!

Aber man versucht es doch! Wenn ich nur daran denke, dass man versucht, Gene und geklonte Lebewesen mit Patenten zu versehen! Was ist denn das anderes, als hier Gottes Schöpfung zu materiellen Werten zu machen? Auch, wenn ständig danach gefragt wird, ob ein Tier oder eine Pflanze nützlich oder schädlich ist. Oder wenn sich alles rechnen muss. Eine schreckliche Ausdrucksweise: ?Das rechnet sich nicht?!

Ja, da war unser alter Paul Gerhardt unglaublich modern!

Aber manchmal auch ganz schön altmodisch, von heute aus gesehen, oder? Dass die Welt ein Nichts sein soll, wie er es als Gegensatz dazu in der 3. Strophe dichtet, da möchte ich doch nicht so gern mitgehen. Selbst wenn ich sie nicht auspreisen kann.
Ich höre hier einen, der ständig Angst haben muss, alles zu verlieren. Das gehört bestimmt in seine Zeit.

Ich habe ja schon beschrieben, wie gefährlich es war, im 17. Jh. zu leben. ?Ach, wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Leben!? hat Paul Gerhardts Zeitgenosse Michael Franck gedichtet. Das ist auch die Erfahrung von Paul Gerhardt, so wie er sie in der 3. Strophe besingt: ?Eh als mans recht genießt, zerbricht?s und geht im Hui zugrunde?. Ich habe manchmal das Gefühl, wir leben so, als könnten wir alles ewig haben und behalten. Gegen jeden Unglücksfall versuchen wir uns zu versichern. Da wünsche ich mir manchmal mehr Gelassenheit gegenüber unseren Reichtümern: Sie sind eben nur irdisch.

Ja. Und da sind wir wieder bei der Frage von vorhin. Wie hat Paul Gerhardt es geschafft, gegenüber den schlimmen Verhältnissen, in denen er in seiner Zeit lebte, sein Gottvertrauen zu behalten, und zwar so sehr zu behalten, dass er andere damit anstecken konnte? Und: Funktioniert das heute noch so?

Seine Texte tragen in sich die Stimme der Sehnsucht nach Leben. Aber mehr noch. Sie sind getragen von der tiefen Zuversicht, dass Gott es trotz allem gut meint. Dass Gott trotzdem rettet, dass es dennoch Grund zum Loben gibt. Ich habe schon immer gespürt, dass es ihm damit ernst ist ? und dass er es sich damit nicht leicht macht. Nichts ist in diesem Sinn leichtfertig bei ihm Deshalb sind seine Lieder bis heute Anstifter zum Gottvertrauen. Sie geben mir Halt und Trost in meinen Zeiten. Wenn ich daran denke, wie gern ich sie damals als Kind schon gesungen habe. Ich wusste nicht, dass die Texte von Paul Gerhardt stammen, aber sie wurden mir vertraut. Viel später erst entdeckte ich den Menschen dahinter. Angesprochen hat mich sicher auch die bildreiche Sprache, sie weckte in mir das Gefühl, geborgen zu sein.

Das ist es eben. Nichts ist leichtfertig. Und dieses 18strophige Loblied, aus dem Leid und der Not geboren, schon gar nicht. Deshalb noch einmal: Es gibt doch noch eine andere Melodie für dieses Lied. Die Melodie, die wir verbinden mit dem Text ?Nun freut euch, lieben Christen g?mein? von Martin Luther. Ich gebe zu, nicht so leicht zu singen wie die andere Melodie, aber doch angemessen, finde ich, für dieses Lied.

Stimme aus der Gemeinde:
Halt, bevor wir noch einmal singen, habe ich noch eine andere Frage: Was bedeutet Paul Gerhardt überhaupt für Menschen, die nicht in der Kirche sind? Ich möchte doch gern wisse, ob seine Wirkung über unsere Kirchenmauern hinaus reicht.

Sicher, manche Menschen außerhalb unserer Kirche kennen ihn noch, manche Lieder sind ja richtige Volkslieder geworden. ?Nun ruhen alle Wälder? vielleicht, oder auch ?Geh aus mein herz und suche Freud?. Aber dann kennen sie vielleicht eher nur wenige Strophen. Oder sogar nur die erste?
Vielleicht freuen sich ja auch manche einfach an seiner schönen Sprache.
Toll wäre es, wenn seine Texte Menschen zum Nachdenken bewegen könnten über Dinge des Glaubens, die ihnen bisher fern waren. Ob das ab und an geschieht?

Ich weiß es auch nicht. Aber ich denke etwas ganz anderes: Was wären wir, was wären unsere Gemeinden, unsere Gottesdienste und unsere Tage ohne seine Lieder? Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Keine Beerdigung bei uns ohne ?Wenn ich einmal soll scheiden?. Weihnachten ohne ?Ich steh an deiner Krippen hier? wäre gar nicht richtig Weihnachten. Zu jedem Geburtstag in meiner Familie gehörte ?Lobet den Herren, alle die ihn ehren?.
Was geht den Menschen verloren, die das alles nicht haben!

Er hat uns wirklich einen Schatz hinterlassen.
Wenn ich Paul Gerhardts Lieder singe, spüre ich, es geht um mich und um Gott. Ich bin persönlich angesprochen, ich kann einstimmen und singen. Ein solches Loblied zu singen, dass zieht nach oben.

Lassen Sie uns probieren, wie es sich anfühlt, wenn wir diesem Loblied mit der anderen Melodie etwas von seiner Schwere zurückgeben. Gerade in dieser Ernsthaftigkeit, in diesem Lob aus der Tiefe kann es mich tragen. Amen

Wir singen Str. 14 und 15 nach der Melodie EG 341

Paul Gerhardt: Ein Loblied Davids
Text: Paul Gerhardt, Melodie 1: Martin Luther 1532,
heute EG 341 mit dem Text "Nun freut euch, lieben Christen g´mein"
Melodie 2: Es ist gewisslich an der Zeit, EG 149

1. Ich, der ich oft in tiefes Leid
und große Not muss gehen,
will dennoch Gott mit großer Freud
und Herzenslust erhöhen.
Mein Gott, du König, höre mich,
ich will ohn alles Ende dich
und deinen Namen loben.
2. Ich will dir mit der Morgenröt
ein täglich Opfer bringen,
so oft die liebe Sonn aufgeht, soofte will ich singen
dem großen Namen deiner Macht,
das soll auch in der späten Nacht
mein Werk sein und Geschäfte.
3. Die Welt, die deucht uns schön und groß,
und was für Gut und Gaben
sie trägt in ihrem Arm und Schoß,
das will ein jeder haben:
Und ist doch alles lauter Nichts;
Eh als mans recht genießt, zerbricht´s
und geht im Hui zugrunde.
4. Gott ist alleine groß und schön,
unmöglich auszuloben
auch denen, die doch allzeit stehn
vor seinem Throne droben.
Lass sprechen, wer nur sprechen kann,
doch wird kein Engel noch kein Mann
des Höchsten Größ aussprechen.
14. Du meinst es gut und tust uns Guts
auch da wirs oft nicht denken,
wie mancher ist betrübten Muts
und frißt sein Herz mit Kränken,
besorgt und fürcht sich Tag und Nacht,
Gott hab ihn gänzlich aus der Acht
gelassen und vergessen.
15.Nein, Gott vergißt die Seinen nicht,
er ist uns viel zu treue,
sein Herz ist stehts dahin gericht,
dass er uns letzt erfreue.
Geht´s gleich bisweilen etwas schlecht,
ist er doch heilig und gerecht
in allen seinen Wegen.
16. Der Herr ist nah und stets bereit
eim jeden, der ihn ehret,
und wer nur ernstlich zu ihm schreit,
der wird gewiss erhöret.
Gott weiß wohl, wer ihm günstig sei,
und deme steht er dann auch bei,
wann ihn die Angst nun treibet.
17. Den Frommen wird nichts abgesagt;
Gott tut, was sie begehren,
er mißt das Unglück, das sie plagt,
und zählet all ihr Zähren
und reißt sie endlich aus der Last;
den aber, der sie kränkt und haßt,
den stürzt er ganz zu Boden.
18. Dies alles und was sonsten mehr
man kann für Lob erzwingen,
das soll mein Mund zu Ruhm und Ehr
des Höchsten täglich singen:
Und also tut auch immerfort
was lebt und webt an jedem Ort:
Das wird Gott wohlgefallen.