Aktuelles
10:00 Uhr Paul-Gerhardt-Kirche Lübben (Spreewald):
Gottesdienst mit Liedpredigt im Gedenken an den Amtsantritt Paul Gerhardts in Lübben
zum Lied Paul Gerhardts
"Du meine Seele, singe"

Predigt: Olaf Beier, Pfarrer an der Paul-Gerhardt-Kirche Lübben (Spreewald)
(Übertragung rbb Kulturradio)


Predigttext und Liedtext unter: weitere Infos
Foto: Werner Kuhtz

?Gott schenke uns sein Wort, Gott segne sein Wort an uns. Amen
Liebe Gemeinde in der Paul-Gerhardt-Kirche,
liebe Hörerinnen und Hörer am Radio,

?Du meine Seele, singe!? ?Auf, auf, mein Herz, mit Freuden? ? ?Geh aus mein Herz und suche Freud? ? ? Paul Gerhardt beherrscht sie gut, die Kunst des freundlichen Überredens:
?Nun auf! Nun geh! Nun singe!?
Die Selbstaufforderung, die aus einigen seiner Lieder zu uns spricht, ist wie ein Ruf,
der uns aufwecken will aus Schläfrigkeit, aus Traurigkeit und Ängstlichkeit.
Zur Freude will er uns überreden ? und diesem Aufruf können wir trauen
und uns ihm anvertrauen.

Singen tut der Seele gut, ist wie eine Arznei ohne schlechte Nebenwirkungen.
Eine von der Zeitschrift ?chrismon? in Auftrag gegebene Umfrage hat es offenbart:
wir singen! Nur neun Prozent der Deutschen singen nicht, die übrigen 91 Prozent singen. Meist im Auto, mit Kindern, im Gottesdienst, unter der Dusche, bei der Arbeit. Ganz normal im Alltag wird gesungen. Singen ist ein Ausdruck des Lebens, der so selbstverständlich ist wie das Lachen.

Es gibt Lieder, die begleiten uns durch das Leben. Paul Gerhardts Lieder gehören für viele dazu.
Seine Liedtexte sind gezeichnet von der Handschrift des Lebens. Eines Lebens,
das nicht vor Schwerem verschont blieb.

Seine Texte erschöpfen sich nicht in dem was meine Augen jetzt sehen, was mein Herz jetzt fühlt, was ich in den Händen habe oder mir entglitten ist. Sie führen weiter und tragen die Stimme der Sehnsucht nach Leben in sich.

Jedes Lied wird getragen von der Melodie und lebt doch von seinem Text, von dem was es aussagt. Das Lied ist Träger einer Botschaft.

Paul Gerhardts Lieder haben eine klare Botschaft, die durchwoben ist von Hoffnung.
Paul Gerhardt ist kein weltfremder Träumer, wenn er hoffnungsvoll in die Zukunft blickt. Zu seiner Zeit hatte es der Glaube an Gott schwer. Die Menschen waren gebeutelt vom 30-jährigen Krieg, Not und Entbehrungen waren das tägliche harte Brot. Er selbst hatte nach dem Ende des Krieges als Pfarrer in Mittenwalde, Berlin und Lübben keine leichte Zeit. Ruhe kam nicht in sein Leben, er verlor vier Kinder und seine Frau, wurde wegen der Konfessionsstreitigkeiten seines Amtes enthoben und verbrachte seine letzten Jahre als Pfarrer hier in Lübben.
Paul Gerhardt hat erlebt, wovon er schreibt. Er hat die Tiefen des Lebens ausloten müssen, hat Krieg durchlitten, hat familiären Verlust als schweren Sorgenstein erfahren.
In all dem blieb er ein Anstifter zum hoffnungsvollen Singen.

Gibt es eine bessere Möglichkeit, weiterzusagen was uns wichtig ist und am Herzen liegt, als in einem Lied? Mit einer Melodie die gern gesungen wird, die in uns ein Wohlgefühl erzeugt und mit Worten, die in unser Leben mitten hinein sprechen und sich darin doch nicht begrenzen und erschöpfen.
Paul Gerhardt gab dem Glauben Worte. Jede Zeit braucht Menschen und bringt sie hervor, die den Glauben in verständliche Worte fassen. Paul Gerhardts Lieder sprechen die Sprache seiner Zeit und sind doch darüber hinaus zeitlos. Das sie so Jahrhunderte übergreifend lebensnah sind, ist das Besondere an seinen Liedern.
Hervorgegangen aus seinem Fragen und Ringen mit Gott,
sind sie bildreich und getragen von Lebenserfahrung.

Wohl deshalb sind sie so nah am Herzen und der Seele der Menschen. In ihnen spiegelt sich das Leben in einer direkten Verbindung mit dem Glauben. Sie sprechen von der Gewissheit des Glaubenden, dass er in Gott aufgehoben ist. Paul Gerhardt sagt es persönlich:
?Ich bin bei Gott geborgen?.

Es war wohl Gottes Fügung: Als Paul Gerhardt im Oktober des Jahres 1668
in Lübben seine Vorstellungspredigt hielt, predigte er über einen Satz aus dem Epheserbrief:
?Redet untereinander in Psalmen und Lobgesängen, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen.? Leider ist seine Predigt uns nicht überliefert, aber er hatte gewiss viel über das Singen zu sagen. Seine Predigt überzeugte, er wurde gewählt und trat 1669 am 16. Juni sein Amt hier in der Stadtkirche an ? gestern vor 338 Jahren. Er brachte seine Lieder mit nach Lübben,
hier wurden sie gesungen.

Zur Zeit der letzten Umgestaltung der Kirche, das war 1930, hat man viele Liedverse von ihm in dieser Kirche angebracht. An der Orgelempore ist zu lesen:
?Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn. Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd, ich will ihn herzlich loben, solang ich leben wird.?
10 Strophen hat das Lied ursprünglich, zwei weniger sind im Gesangbuch abgedruckt. Es ist eine Nachdichtung des 146. Psalms und es ist ein Loblied.

Liebe Gemeinde, ein Loblied zu singen, das gelingt nur an manchen, wenigen Tagen. Unser Alltag sieht oft anders aus, ist manchmal grau, wir sind gestresst und atemlos, der Blick in die Zukunft nicht gerade rosig. Das Leben verläuft nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben.

Aber wenn wir singen, bleiben wir nicht stehen bei dem Jammer des Tages. Die Melodie trägt uns, es öffnet sich in uns etwas und wie von unsichtbarer Hand, werden wir zu neuen Gedanken geführt.
Paul Gerhardt spricht es als Seelsorger den Menschen zu:
Bleibt nicht stehen in der Trübsal, traut euch den nächsten Schritt. Vertraut euch Gott an:
?Wohl dem, der einzig schauet nach Jakobs Gott und Heil! Wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil ??.
Er ist sich dessen gewiss, Gott ist da. Bei Gott finde ich Geborgenheit.
Um in dem Kummer des Lebens nicht unterzugehen, hält er am ?Dennoch? fest. Die Seele ist betrübt, sie soll sich nicht in der Trübsal verlieren. Sein ?Dennoch? ist ein Ausdruck des Glaubens, des Vertrauens auch wider den Augenschein, getragen allein von der Hoffnung.
Reichtum, Ansehen, vertraute Mitmenschen, alles kann man verlieren, aber Gott bleibt uns treu. ?Hier sind die starken Kräfte, die unerschöpfte Macht?.
Wer Gott vertraut, ist der Enge der Sorgen und Nöte nicht grenzenlos ausgeliefert, der wird zu neuer Hoffnung geführt. Die brachliegenden Lebenskräfte werden wachsen.
Und in den Sätzen, mit denen das Lied fortfährt, ist aus der anfänglichen Selbstüberredung Gewissheit geworden: ?Er ist das Licht der Blinden,?? er ist der Fremden Hütte?..? .
Das bewundere ich an Paul Gerhardt, dass er klar und eindeutig ist in seinen Worten. Kein ?vielleicht? oder ?eventuell?, sondern ein durch Lebenserfahrung gewachsenes Wissen: Gott ist bei den Menschen.

Das kann glaubwürdig nur aus dem Mund von jemandem kommen, der selbst Tiefpunkte des Lebens durchlitten und Gottes Treue darin erfahren hat.
So setzt er Bezugspunkte für unsere heutige Zeit. Er negiert nicht das Schwere im Leben, er sagt uns aber, dass alle Traurigkeit und Sorge umhüllt sind von Gottes Liebe.
Dass Gott sich nicht zurückgezogen hat, sondern heute und morgen da ist.

Wir singen zumeist dann, wenn wir froh gestimmt sind. Von Paul Gerhardt können wir lernen, wie gut es ist, auch dann zu singen, wenn es uns schlecht geht, wenn die Melodie des Lebens ist stocken geraten ist.
Damit wir uns nicht verlieren, damit unsere Sprache nicht versiegt. Und die Sprache unseres Leben kann eine Sprache der Hoffnung und des Lob Gottes sein.

So gehen Paul Gerhardts ausdrucksstarke Liedtexte mit uns durch gute und durch schlechte Zeiten. In den schweren Zeiten entfalten sie auf besondere Weise ihre Segenskraft. Sie ermuntern uns zum Singen, selbst dann, wenn uns fast die Stimme wegbleibt.

Lieder zu haben für alle Lebenslagen, das ist uns geschenkt. Ich schlage das Gesangbuch auf und finde ein Lied, das zu mir spricht. Ich summe das Lied zaghaft, dann traue ich mich zu singen und erlebe, meiner Seele tut das gut. Ich spüre, wie ich getragen werde von einer getrosten Zuversicht.
Der Glaube hilft mir, meinen Weg im Leben zu finden.

Paul Gerhardt hat sich den Blick in das Hoffnungsvolle bewahrt. Wie wünsche ich mir das für mein Leben, wie sehne ich mich danach und wie gut zu wissen, dass es gelingen kann. Wenn mich Sorgen und Probleme an den Rand des Lebens drängen, wenn mir bange ist vor dem nächsten Schritt, dem morgigen Tag; mir dann Gottes Nähe und seiner Begleitung gewiss zu sein, gibt Durchhaltekraft.

Wie gut, darauf vertrauen zu können und so wird uns das Singen nicht vergehen.
Ohne Überredung lade ich Sie alle ein zu singen - das Lob Gottes: ?Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön.? Amen


1. Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd;
ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd.

2. Ihr Menschen, lasst euch lehren, / es wird sehr nützlich sein: / Lasst euch doch nicht betören / die Welt mit ihrem Schein. / Verlasse sich ja keiner / auf Fürstenmacht und -gunst, / weil sie wie unser einer / nichts sind, als nur ein Dunst.

3. Was Mensch ist, muss erblassen / und sinken in den Tod; / er muss den Geist auslassen, / selbst werden Erd und Kot. / Allda ist?s dann geschehen / mit seinem klugen Rat / und ist sehr klar zu sehen, / wie schwach sei Menschentat.

4. Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil! / Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil, / das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt; / sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig unbetrübt.

5. Hier sind die starken Kräfte, / die unerschöpfte Macht; das weisen die Geschäfte, / die seine Hand gemacht: / der Himmel und die Erde / mit ihrem ganzen Heer, / der Fisch unzähl?ge Herde / im großen wilden Meer.

6. Hier sind die treuen Sinnen, / die niemand Unrecht tun, / all denen Gutes gönnen, / die in der Treu beruhn. / Gott hält sein Wort mit Freuden / und was er spricht, geschicht; / und wer Gewalt muss leiden, / den schützt er im Gericht.

7. Er weiß viel tausend Weisen, / zu retten aus dem Tod, / ernährt und gibet Speisen / zur Zeit der Hungersnot, / macht schöne rote Wangen / oft bei geringem Mahl; / und die da sind gefangen, / die reißt er aus der Qual.

8. Er ist das Licht der Blinden, erleuchtet ihr Gesicht, / und die sich schwach befinden, / die stellt er aufgericht?. / Er liebet alle Frommen, / und die ihm günstig sind, / die finden, wenn sie kommen, / an ihm den besten Freund.

9. Er ist der Fremden Hütte, / die Waisen nimmt er an, / erfüllt der Witwen Bitte, / wird selbst ihr Trost und Mann. / Die aber, die ihn hassen, / bezahlet er mit Grimm, / ihr Haus und wo sie saßen, / das wirft er um und um.

10. Ach ich bin viel zu wenig, / zu rühmen seinen Ruhm; / der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum. / Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in sein Zelt, / ist?s billig, dass ich mehre, / sein Lob vor aller Welt.